Ein "Volks-Maksutov" im Mini-Test - Die "Russentonne" MTO 100/1000von Frank Schäfer, Sternwarte RadebergVor kurzem habe ich meine optische Ausrüstung für die Astronomie um ein weiteres Juwel bereichert - eine "Russentonne" MTO 100/1000. Dieses Prachtstück russischer Qualitätsarbeit ist es durchaus wert, einmal etwas näher vorgestellt zu werden. Vom optischen Design ist die "Russentonne" ein klassisches Maksutov-Cassegrain Teleskop mit einem zusätzlichen Korrektor in Brennpunktnähe. Dieser Korrektor sorgt für eine Bildfeldebnung und verlängert die Primärbrennweite des Cassegrain-Systems (ca. 710mm) auf 1000mm. In der Konstruktion ist die "Russentonne" also ähnlich der "Optik-Gurke" von Meade - dem ETX 90/1250. Ein wesentlicher Unterschied aber ist die solidere mechanische Qualität des Produkts aus Russland. Während das ETX zu 90% aus billigem Plastik besteht, findet man bei der "Russentonne" eine solide Metallkonstruktion. Zudem ist die "Russentonne" mit 100mm Öffnung und einem nominalen Öffnungsverhältnis von 1:10 wesentlich besser für die Fotografie geeignet. Auch kostet die Fehlkonstruktion aus dem Hause Meade schon in der Primitivversion als Spotting Scope weit mehr als das doppelte! Der erste Eindruck nach dem Auspacken der Neuerwerbung läßt sich mit wenigen Worten beschreiben: schwer, robust, massiv - eben echt russisch. Das MTO 100/1000 ist ja eigentlich ein Spiegelteleobjektiv für die konventionelle Fotografie. Und als solches besitzt es ein normales M42x1 Gewinde zum Anschluß einer Zenit- oder Praktica-Kamera. Der M42x1 Anschluß kann übrigens auch durch andere T2-Adapter für verschiedene Kamerasysteme ersetzt werden. Am Tubus sind zwei um 90 Grad versetzte Anschlußplatten mit großem und kleinem Standardfotogewinde angebracht, mit deren Hilfe das Objektiv auf ein Fotostativ gesetzt werden kann. Die Fokussierung erfolgt durch Drehen des vorderen Objektivteils, wobei der Abstand zwischen Haupt- und Sekundärspiegel verändert wird. Die Optik macht einen sehr guten Eindruck. Die Maksutov-Platte und der Korrektor sind auf allen optischen Flächen mehrschichtvergütet und Haupt- und Gegenspiegel sind mit einer Quarzschutzschicht versehen. Um die "Russentonne"
astrotauglich
zu machen, sind zwei wichtige Punkte zu beachten. Zum einen muß
die
Arretierung der Entfernungseinstellung entfernt werden, so daß
über
"Unendlich" hinaus fokussiert werden kann. Das geschieht durch
Entfernen
einer kleinen Schraube von der Tubusaußenseite. Damit kann der
Brennpunkt
weiter nach hinten verschoben werden, so daß über einen
Adapter
ein Zenitprisma angeschlossen werden kann. Zum zweiten müssen
Hauptspiegel
und Maksutov-Platte etwas gelockert werden, da diese meist verspannt
sind.
Diese Maßnahme führt zu einer drastischen Steigerung der
Abbildungsleistung.
Plaziert man das Auge genau
im Zentrum
der Austrittspupille, so erwischt man hin und wieder den dunklen Fleck.
Bei Sternbeobachtungen fällt das nicht mehr auf, da der
Pupillendurchmesser
des Auges in der Regel größer als die Austrittspupille ist.
Am nächtlichen Sternenhimmel macht die "Russentonne" eine sehr
gute
Figur. Das Bild eines hellen Sterns bei 162facher
Vergrößerung
sieht aus wie in einem Lehrbuch. Exakt konzentrische und kreisrunde
Beugungsringe
im Fokus sowie ein einheitliches intra- und extrafokales Abbild des
Sterns
sprechen für eine erstklassige Optik. Die beiden Doppelsterne
Epsilon
1 und 2 in der Leier werden problemlos getrennt. Unter guten
Bedingungen
trennt die Optik sogar den Doppelstern Pi im Sternbild Adler
(Komponenten
6,3 und 6,8mag mit 1,4" Abstand). Das ist für ein Teleobjektiv -
welches
eigentlich kein Teleskop werden sollte - ganz beachtlich! Angenehmes
Beobachten
ist allerdings nur mit Zenitprisma möglich. Um ein solches an der
"Russentonne" verwenden zu können, muß der Fokus weiter nach
hinten gelegt werden.
Dies geschieht über die Fokussierung des Objektivs und einen veränderten Abstand zwischen Haupt- und Gegenspiegel. Damit verlängert sich aber die Brennweite des Maksutov-Systems auf ca. 1300mm! Abzüglich Obstruktion durch den Gegenspiegel hat man dann ein Maksutov-Cassegrain 94/1300 mit einem wahren Öffnungsverhältnis von 1:13,8! Für die Beobachtung von Sonne, Mond und Planeten ist das kein Problem - für Deep-Sky Beobachtungen ist es aber ein wenig duster. Mit einem 40mm Okular ist die niedrigste Vergrößerung ca. 33fach und die maximale Austrittspupille liegt bei 3mm. Trotzdem kann man mit der "Russentonne" tolle Beobachtungen machen. Der Anblick von Objekten wie dem Ringnebel in der Leier oder dem Hantelnebel im Füchslein ist sehr eindrucksvoll. Der Kugelsternhaufen M13 wird schon am Rand in Einzelsterne aufgelöst und der Anblick von h und chi im Perseus ist atemberaubend. Eine wahre Wonne ist der Orionnebel. Die Fülle an Details ist schon erstaunlich, ein gängiger 100mm Refraktor liefert hier kaum bessere Bilder. Eine Durchmusterung der Sternbilder Schütze und Großer Wagen zeigt, daß die "Russentonne" für viele helle Gasnebel, Offene- und Kugelsternhaufen sowie Galaxien bestens geeignet ist. Auch den Nordamerika- und den Cirrusnebel im Schwan kann man bei guten Sichtbedingungen beobachten. Hier bereitet aber die lange Brennweite Probleme. Mit einem 40mm Plössl Okular ist das wahre Gesichtsfeld nur wenig größer als ein Grad. Man sucht dann eine halbe Stunde den Nordamerikanebel, war aber schon dreimal mitten drin! Es ist daher sehr empfehlenswert, einen Sucher anzubringen und auch zu benutzen. Schärfe und Kontrastleistung der "Russentonne" an Mond und Planeten sind bis zu einer 162fachen Vergrößerung durchaus brauchbar und mit einem guten 80mm Achromaten vergleichbar. Mit 94mm effektiver Öffnung ist das Bild sogar noch etwas heller und praktisch farbfehlerfrei. Bei noch höherer Vergrößerung stößt die Optik aber an ihre Grenzen. Hier tut der große Gegenspiegel seine Wirkung, ein guter Refraktor zeigt die Planeten wesentlich kontrastreicher. Persönlich nutze ich an der "Russentonne" am liebsten eine 130fache Vergrößerung. Das reicht zum Spazieren-Sehen an Mond, Jupiter und Saturn vollkommen aus. Montieren sollte man die
"Russentonne"
wenigstens auf einer stabilen azimutalen Montierung (Baader BP-60,
Antares
AZ-3) oder einer Vixen NP- bzw. GP-Montierung oder vergleichbaren
Montierungen.
Auf einem ordinären Fotostativ mit Panoramakopf wird das
Nachführen
(insbesondere bei höheren Vergrößerungen) zur Tortur.
Ich
habe meine "Russentonne" standesgemäß auf einer russischen
azimutalen
Montierung plaziert. Diese Montierung ist sehr solide, besitzt manuelle
Feinbewegungen in beiden Achsen und trägt die "Russentonne" ohne
zu
klagen. Als weiteres Zubehör nutze ich einen russischen
Sonnenfilter
(Original-Objektivfilter für das MTO 100/1000, für die
Sonnenbeobachtung
verspiegelt) und ein Noname-Zenitprisma (Made in Japan). Mit einem
2fach
Konverter und einer SLR-Kamera versehen eignet sich die "Russentonne"
auch
hervorragend für Übersichtsaufnahmen der Sonne
(Objektivfilter
nicht vergessen!). Zur Standardausrüstung gehören bei mir
noch
verschiedene Okulare: ein 40mm Plössl (Antares), ein 30mm LE
(Takahashi),
drei Weitwinkel Okulare mit 24,5, 18 und 13,8mm Brennweite (Meade)
sowie
ein 10mm (Masuyama) und ein 8mm Plössl Okular (Televue).
Der Vergrößerungsbereich geht somit von 33fach bis 162fach. Die Qualität der einfachen Plössl-Okulare ist für die Russentonne vollkommen ausreichend. Aufgrund des großen effektiven Öffnungsverhältnisses von 1:13,8 braucht man keine teuren Spezialokulare. Die Super-Plössl-Okulare von Bresser oder Antares bekommt man neu für unter 150,- DM das Stück, auf dem Gebrauchtmarkt meist noch wesentlich günstiger. Zum bequemen Beobachten gehört auf jeden Fall ein Sucher. Ich habe meine "Russentonne" mit einem "Deluxe-Sucher" 7x50 von Borg ausgestattet und diesen einfach an dem noch freien Fotogewinde am Tubus befestigt. Wer einen Binokularansatz besitzt, sollte auf jeden Fall versuchen, diesen an der "Russentonne" zum Einsatz zu bringen. Das Baader 60 Grad Bino paßt beispielsweise ohne Probleme über einen T2-Adapter direkt an die "Russentonne". So kann man völlig entspannt die Planeten beobachten oder auch die helleren Deep-Sky Objekte geniessen. Der Preis für die
"Russentonne"
lag so ziemlich genau bei 390,- DM (ohne Zubehör). Für ein
100mm
Teleskop von ausgezeichneter optischer Qualität ist das mehr als
günstig.
Darüberhinaus bekommt man ein schönes Teleobjektiv mit 1000mm
Brennweite (die nächste Sonnenfinsternis kommt gewiß...),
welches
sich wunderbar für die Fotografie von Sonne, Mond, Sonnenauf- und
-untergängen und für die normale Fotografie
verwenden
läßt. Muß man sich allerdings erst sämtliches
Zubehör
(wie Stativ, Montierung, Okulare, Prisma und Filter) dazukaufen, dann
kann
es sehr schnell sehr teuer werden. Einem Einsteiger in die Astronomie
würde
ich den Kauf der "Russentonne" daher nicht empfehlen, denn es gibt
günstigere
Komplettangebote. Als Zweit- oder Reiseinstrument ist sie aber sehr
empfehlenswert,
noch dazu, wenn sie fotografisch genutzt wird. Mehr
"Teleskop+Teleobjektiv"
bekommt man für den Preis von 390,- DM wohl kaum. Nachsatz zum Thema Obstruktion (Zentralabschattung)
Weitere Infos zur "Russentonne":
Seite zum Download als pdf-Datei: mto100_1000.pdf (63 kB) |
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